MÜlheim Texas // Film // Interview Andrea Roggon

Interview Andrea Roggon

Was hat Sie auf „Mülheim Texas“ und Helge Schneider gebracht?

In meiner Arbeit habe ich mich oft mit der Frage nach der Freiheit des Individuums beschäftigt. Und Helge Schneider steht für mich wie kaum ein anderer Künstler sonst für Freiheit, in seiner Improvisation, seiner Musik, seinem Humor. Er verkörpert für mich einen großen Freigeist, der Konventionen bricht und Grenzen einreißt.

Doch was macht Helge Schneiders Persönlichkeit aus? Ist bei einem Künstler wie ihm die Phantasie vielleicht fast realer oder entscheidender als die faktischen Gegebenheiten?

Diese Phantasiewelt oder diese innere Welt als Realität hat mich eigentlich mehr interessiert als biografische Fakten. Die Welten, die Helge Schneider erschafft, machen seine Realität am Ende ja genauso aus. Das steckt auch im Titel des Films: Es gibt den realen Ort „Mülheim“ mit den realen Gegebenheiten und es gibt die eigene Welt, die Helge Schneider daraus erschafft, die Phantasiewelt, der Phantasieort „Texas“. Diese Verschmelzung von Phantasie und Wünschen mit der Realität fand ich einen spannenden Ausgangspunkt, um eine Form für den Film zu finden. 

Man hat den Eindruck, dass auch der reale Ort Mülheim für Helge Schneider sehr inspirierend sein kann.

Ja, ich glaube, dass er sich sehr mit der Stadt identifiziert, dass er daraus schöpft. Viele Figuren in seinen Filmen und viele seiner Rollen sind an diese Mülheimer Typen angelehnt. Er hat, denke ich, eine große Liebe zu den Menschen dort. Und die behandeln ihn eben auch wie einen von ihnen. Er ist da natürlich schon ein bunter Vogel und kann aber trotzdem in einen Laden gehen, ohne dass jetzt alle ein Foto machen.

Wie kam der Kontakt mit Helge Schneider zustande?

Über einen familiären Kontakt, da meine Mutter ihn aus ihrer gemeinsamen Jugendzeit in Mülheim kennt. Es war eigentlich eher eine Eingebung, dass ich irgendwann gedacht habe, es würde mich interessieren, etwas mit Helge Schneider zu machen. Ich habe ihn dann einfach angerufen, und wir haben uns getroffen, als er in Stuttgart ein Konzert gab. Ich hatte damals noch keine konkrete Idee, wie der Film aussehen könnte und vielleicht fand er gerade interessant, dass da etwas Offenes und Freies war. Am Anfang stand einfach die Frage, ob es zwischen uns eine Möglichkeit gibt, diesen Film zu machen, ein Interesse, zusammen auf so eine Reise zu gehen. Und Helge Schneider hat gesagt: „Ja, schreib’ doch mal was auf. Mach’ doch mal.“

Bevor es dann richtig losging, habe ich ihn schonmal zusammen mit meiner Kamerafrau Petra Lisson begleitet und während einer Tournee Aufnahmen gemacht, um zu sehen, ob wir zusammen funktionieren, ob das überhaupt Sinn macht. Und dabei hat er gemerkt, dass z.B. sein Team und wir gut miteinander zurecht kämen und dass der Film für ihn kein großer Störfaktor werden würde. Ich glaube, dass, nach der impulsiven Entscheidung den Film zu machen, die Arbeit darin bestand, sich wirklich auf den Prozess der Annäherung einzulassen. 

Natürlich gab es auch Grenzen. Von Anfang an hat er gesagt, dass er für den Film nichts wiederholen würde. Wir durften viel an seinem Leben teilhaben, aber wir haben eigentlich nie besprochen, dass wir eine Sache jetzt so oder so für den Film machen, sondern er hat sein Leben einfach weitergemacht – und wir haben geschaut, was wir davon einfangen können.

Sie haben über einen Zeitraum von fast vier Jahren gedreht. Wie haben Sie Drehorte und Drehtermine festgelegt? Wie genau war die Planung bzw. wie spontan waren die Drehzeiten?

Das war fast alles so spontan, wie es für einen Film eigentlich gar nicht geht. Die Pläne, die wir gemacht hatten, haben fast nie geklappt, und alles, womit wir nicht gerechnet hatten, hat stattgefunden.

Wir wussten, dass es eigentlich immer möglich sein konnte, dass wir auf einmal etwas drehen können.

Vom Ablauf war es so, dass ich versucht habe mitzubekommen, was Helge Schneider gerade macht. Wir haben immer mal wieder telefoniert und ich habe Tage vorgeschlagen, an denen ich gerne mit der Kamera vorbeikommen würde. 

Es konnte sein, dass er gesagt hat: „Ja, kommt, aber dann jetzt schnell.“ Das hing von einer bestimmten Energie ab, dass er sich mit uns wohlfühlte und dass der Dreh ihn nicht störte.  Was er an dem Tag dann letztendlich machen würde, war aber vorher nicht wirklich absehbar.

Den Dreh hat die Spontaneität ausgemacht, dem zu folgen, was sich aus einer Situation ergeben hat. In einem Moment konnte alles möglich sein – und im anderen genau das auf keinen Fall. Ich habe es fast als lebensphilosophische Erfahrung gesehen, den Moment so zu nehmen, wie er ist und das Besondere darin zu erkennen, anstatt den Blick durch meine Erwartungen zu verstellen. 

Was hat diese Nicht-Planbarkeit, diese Spontanität für die Bildgestaltung bedeutet? 

Wir haben schnell gemerkt, dass Helge Schneider sich immer sehr schnell bewegt, dass er schneller ist als alle anderen, auch mit seinen Gedanken. Wir fanden es dann interessant, lange Einstellungen zu machen und Situationen lange zu beobachten. Das war eigentlich unsere wichtigste Vorgabe. 

Es gibt, formal durch die Studioatmosphäre abgesetzt, auch ein fast klassisches Interview mit Helge Schneider.

Ja, es sind zwei Gespräche, die gegen Ende der Drehzeit entstanden sind, und ich habe mich sehr gefreut, dass Helge Schneider sich darauf eingelassen hat. Mir war klar, dass ich das Interview nicht einfach bei ihm in der Küche drehe. Ich wollte einen neutralen Raum, der sich mit den unterschiedlichen Situationen verbinden konnte. Die Frage nach dem Interview hat, glaube ich, schon zu einem Ringen bei ihm geführt: Soll er das jetzt machen? Ist das überhaupt richtig, so über seine Arbeit zu sprechen? Sagt er nicht schon genug mit dem, was er macht?

Worin sehen Sie diese Herausforderung?

Helge Schneider hat in seinem gesamten Schaffen fast alles in der eigenen Hand behalten: die Bühnenshows, das Drehbuch, das Casting, die Hauptrollen, auf einer Platte auch gerne mal alle Instrumente selber eingespielt. Das geht bis zu selbst geschriebenen Pressetexten und zum Pressefoto mit Selbstauslöser.
Und er ist immer gut damit gefahren. Wenn er seiner Intuition folgt, dann funktioniert es, und dann gefällt es ihm am Ende auch. So ist alles sehr nah an ihm dran. Ich glaube, dass es nicht viele Künstler gibt, die das über eine solche Zeitspanne so konsequent durchziehen.  

Und sich auf diesen Film einzulassen, das war dann schon eine große Herausforderung für ihn. Das liegt eben auch an der Haltung, die er eigentlich immer befolgt hat: Dass er sagt, er ist selber sein größter Kritiker und gleichzeitig sein größter Fan. Wenn alle etwas loben, sieht er immer noch die Verbesserungsmöglichkeiten. Da ist er sehr kritisch mit sich selbst. Und in anderen Momenten, in denen alle zweifeln, sagt er: „Jetzt glaube ich an mich.“ Er hat, glaube ich, wirklich die Fähigkeit den Spagat zu schaffen, beide Perspektiven in diesen starken Extremen leben zu können. 

Ich glaube, dass in dem Film jetzt sehr viel von seiner Art und seinem Geist drinsteckt. Trotzdem bleibt auch ein Geheimnis. Es ist mir ein Anliegen, dass der Zuschauer Lust hat auf das Geheimnis, dass es einen Interpretationsraum gibt, in dem sich jeder selbst ein Bild machen kann. Dass er auf eine Entdeckungsreise gehen kann und am Ende vielleicht merkt, dass es richtig ist, dass da ein Geheimnis bestehen bleibt, dass das etwas Schönes ist. Ich glaube, dass man über ein Geheimnis, das erhalten bleibt, dem Geist eines Menschen oder einem künstlerischen Werk viel näherkommen kann als durch den Versuch, alles zu erklären.

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